Vorhofflimmern hat viele Gesichter

Vorhofflimmern hat viele Gesichter

Das Herz gerät auf einmal völlig aus dem Takt und rast mit über 100 Schlägen pro Minute. So macht sich bei vielen Patienten ein Anfall von Vorhofflimmern bemerkbar. Manchmal gehen Herzstolpern und Herzrasen auch mit einer mehr oder minder starken Einschränkung der körperlichen Belastbarkeit und einem Gefühl der inneren Unruhe einher. Solche Beschwerden werden vor allem von Patienten angegeben, deren Herz sonst gesund ist. Patienten mit zusätzlichen Herzerkrankungen klagen außerdem über Atemnot, Schwitzen, Brustschmerzen und Schwindel.

Während die Anfälle von Vorhofflimmern bei einigen Patienten scheinbar zufällig auftreten, können andere mehr oder weniger typische Auslöser nennen, nach denen Vorhofflimmerepisoden gehäuft anfangen. Bei jüngeren Menschen sind solche Auslöser vor allem Alkoholgenuss, üppiges Essen oder Stress. Bei manchen beginnt die Herzrhythmusstörung in den frühen Morgenstunden, bei anderen während oder unmittelbar nach körperlicher Aktivität oft in Verbindung mit stärkerem Schwitzen.

Ruhe-EKG

Durch Tasten des Pulses und Abhören mit dem Stethoskop kann der Arzt Vorhofflimmern diagnostizieren. Dokumentiert und bestätigt wird Vorhofflimmern im EKG. Das Foto zeigt die Ableitung eines Ruhe-EKGs.

 

 

 

 

Unterschiedliche Formen von Vorhofflimmern

Im Verlauf der Krankheit nehmen viele Patienten, insbesondere wenn ihre Pulsfrequenz mit Medikamenten normalisiert wird, die Veränderungen immer weniger wahr. Dies zeigt sich beispielsweise bei den über 80-Jährigen: Rund zehn Prozent dieser Altersgruppe haben Vorhofflimmern, aber nur wenige von ihnen empfinden es als störend.

Wenn Vorhofflimmern anfallsweise auftritt, beginnt es spontan und hört meistens innerhalb von 24 Stunden, seltener auch innerhalb von 48 bis 72 Stunden von selbst wieder auf. Diese Form der Rhythmusstörung wird paroxysmales Vorhofflimmern genannt. Im weiteren Krankheitsverlauf dauert es immer länger, bis das Vorhofflimmern spontan endet. Schließlich bleibt es anhaltend bestehen. Am Anfang ist es dem Arzt möglich, mit Medikamenten oder in Kurznarkose mit einem starken elektrischen Stromstoß – durch sogenannte medikamentöse oder elektrische Kardioversion – das Vorhofflimmern zu beenden. Lässt sich auf diese Weise der normale Herzrhythmus wieder herstellen, nennt man das Vorhofflimmern persistierend. Bei länger bestehendem Vorhofflimmern haben elektrische und mechanische Umbauvorgänge im Herzen die Vorhöfe so verändert, dass der Arzt das Vorhofflimmern nicht mehr beenden kann und nun dauerhaftes chronisches  Vorhofflimmern besteht (sogenanntes permanentes Vorhofflimmern).

Warum Vorhofflimmern behandelt werden muss

Es gibt viele Gründe, Vorhofflimmern zu behandeln: erstens, um dem Patienten die akuten Beschwerden während des Vorhofflimmerns zu nehmen, zweitens, um das Auftreten von Folgeerkrankungen zu verhindern und drittens, um seine Lebenserwartung zu verlängern.

Eine der bedrohlichsten Folgeerkrankungen ist der Schlaganfall. Im veränderten linken Herzvorhof können sich Blutgerinnsel bilden, die sich ablösen und mit dem arteriellen Blutstrom ins Gehirn gelangen, wo sie ein Blutgefäß verstopfen. Das Schlaganfallrisiko ist bei Vorhofflimmerpatienten ganz unterschiedlich und hängt im Wesentlichen vom Lebensalter, Geschlecht und Begleiterkrankungen ab. Bei Menschen, die jünger als 65 sind und keine zusätzliche Herzkrankheit oder andere Erkrankungen haben, liegt das Risiko, im nächsten Jahr einen Schlaganfall zu erleiden, bei unter einem Prozent. Demgegenüber haben ältere Patienten mit zusätzlicher Herzerkrankung ein weit höheres Schlaganfallrisiko (über sechs Prozent).

Diese Befunde wurden bei Patienten erhoben, die – wie früher üblich – keine blutverdünnenden Medikamente erhalten haben. Heute lässt sich das Risiko eines Schlaganfalls durch Blutverdünnung erheblich verringern. Das Ausmaß der Blutgerinnungshemmung muss sich bei jedem Patienten individuell nach dem Grad der Schlaganfallgefährdung richten. Bei Patienten mit bestehenden Herzerkrankungen wie einer Herzschwäche kann Vorhofflimmern das vorgeschädigte Herz zusätzlich belasten und bereits bestehende Beschwerden oder eine Pumpschwäche des Herzens verstärken.

Kardioversion, demonstriert an einer Puppe

In der Regel hört das anfallsweise Vorhofflimmern innerhalb von 48 Stunden von selbst wieder auf. Wenn nicht, sollte der Arzt es beseitigen. Dies kann auf zweierlei Weise geschehen, entweder durch die Verabreichung von Medikamenten unter laufender EKG-Kontrolle oder durch eine sogenannte Kardioversion in Kurznarkose. Durch solche Maßnahmen kommt es zum schlagartigen "Umspringen" von der absoluten Arrhythmie in den normalen Sinusrhythmus. Bei der elektrischen Kardioversion beendet der Arzt das Flimmern mit einem Stromstoß aus dem Defibrillator, hier demonstriert an einer Simulationspuppe.

 

Hohe Lebenserwartung trotz Vorhofflimmern

Ob Vorhofflimmern tatsächlich die Lebenserwartung einschränkt, ist bei den heute zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten schwer zu sagen. Wer jünger als 65 und ansonsten herzgesund ist, hat trotz Vorhofflimmern eine ähnliche Lebenserwartung wie Menschen ohne Rhythmusstörung. Wer dagegen an Vorhofflimmern und zusätzlich an einer Herzerkrankung leidet, musste in früheren Jahren mit einer geringeren Lebenserwartung rechnen. Aufgrund der verbesserten Behandlung scheint auch die Lebenserwartung dieser Patienten heute höher zu sein als früher.