Volkskrankheit Vorhofflimmern in Deutschland

Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung und eine der häufigsten Ursachen für ambulante Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte wegen einer Herz-Kreislauf- Erkrankung. Nach neuesten Berechnungen, basierend auf Krankenkassendaten, leiden fast 1,8 Millionen Menschen (2,2 Prozent der Bevölkerung) an Vorhofflimmern.

Auf dieser Grundlage lässt sich errechnen, dass 2020 die Zahl der Betroffenen auf 2,13 Millionen (entsprechend 2,7 Prozent der Bevölkerung) anwachsen wird. Hinzu kommt eine Dunkelziffer von Personen, die noch nicht diagnostiziertes Vorhofflimmern haben (siehe Seite 13 „Vorhofflimmern bleibt oft unbemerkt“). Aufgrund der sich ändernden Altersstruktur in den westlichen Ländern und der Zunahme von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Übergewicht steigt die Zahl der Vorhofflimmerpatienten ständig. Experten rechnen mit einer Verdoppelung in den nächsten 50 Jahren.

Häufigkeit von Vorhofflimmern

Wer ist besonders gefährdet?

Das individuelle Risiko, an Vorhofflimmern zu erkranken, hängt stark vom Lebensalter ab und verdoppelt sich ab dem 50. Lebensjahr etwa mit jeder Altersdekade. Während von den unter 50-Jährigen deutlich weniger als ein Prozent an Vorhofflimmern leiden, steigt die Häufigkeit bei über 60-Jährigen auf vier bis sechs Prozent und bei über 80-Jährigen auf neun bis 16 Prozent. Männer sind in den jüngeren Altersstufen häufiger betroffen als Frauen. Durch die höhere Lebenserwartung der Frauen gibt es etwa gleich viele männliche und weibliche Patienten mit Vorhofflimmern.

Eine Vielzahl häufiger Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz), koronare Herzerkrankung und Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) begünstigen das Auftreten von Vorhofflimmern. So steigert ein hoher Blutdruck das Risiko, an Vorhofflimmern zu erkranken, etwa auf das Doppelte, Herzinsuffizienz auf das 4,5- bis sechsfache. Übergewicht und regelmäßiger übermäßiger Alkoholkonsum sind weitere Risikofaktoren. Um Vorhofflimmern zu verhindern, gilt es deshalb, konsequent vorzubeugen und die begünstigenden Erkrankungen und Risikofaktoren rechtzeitig zu behandeln.

Schlaganfallrisiko

Vorhofflimmern ist als Rhythmusstörung selbst nicht lebensbedrohlich, kann aber zu gravierenden Folgeschäden führen, insbesondere zu einem Schlaganfall. Das Schlaganfallrisiko hängt vom Alter und den Begleiterkrankungen ab und beträgt bis über zehn Prozent pro Jahr. Daher sind in vielen Fällen Medikamente zur Blutgerinnungshemmung (Vitamin K Antagonisten wie z. B. Marcumar®/Falithrom® oder nicht Vitamin K abhängige orale Antikoagulanzien) erforderlich, um das Embolierisiko zu reduzieren. Schlaganfälle zählen neben dem Herzinfarkt und Tumorerkrankungen zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Etwa 15 Prozent aller Schlaganfälle sind auf Vorhofflimmern zurückzuführen. Somit ist davon auszugehen, dass allein in Deutschland pro Jahr etwa 35.000 Schlaganfälle durch Vorhofflimmern bedingt werden. Aber auch jüngere Menschen ohne fassbare Herz- oder Begleiterkrankung können Vorhofflimmern haben. Bei diesen Betroffenen, die etwa ein Zehntel aller Vorhofflimmerpatienten ausmachen, ist das Schlaganfallrisiko mit etwa einem Prozent pro Jahr gering, auch ohne Gerinnungshemmung.

Vom kurzen Anfall zum Dauerflimmern

Vorhofflimmern kann anfallsartig auftreten, wobei die Rhythmusstörung in manchen Fällen spontan wieder endet, in anderen nicht. Zunächst anhaltende Formen können oft durch Medikamente oder einen Elektroschock (Kardioversion) wieder in einen normalen Rhythmus zurückgeführt werden. Bisweilen ist Vorhofflimmern aber nicht mehr zu beenden, sondern besteht dauerhaft (permanentes Vorhofflimmern). Je früher Vorhofflimmern behandelt wird, desto größer sind die Chancen, es noch einmal zu beenden. Nach Jahren besteht im Allgemeinen nur noch wenig Aussicht auf die dauerhafte Wiederherstellung eines normalen Sinusrhythmus.

Tritt Vorhofflimmern zum ersten Mal auf, so kann dies der Anfang eines chronischen Verlaufs mit wiederholten Anfällen unterschiedlicher Dauer und Häufigkeit sein oder ein einmaliges Ereignis, etwa im Rahmen einer schweren Erkrankung, einer Schilddrüsenüberfunktion oder einer Operation. Langfristig hat Vorhofflimmern aber die Tendenz, sich in Richtung einer dauerhaften Rhythmusstörung zu entwickeln: So kommt es bei etwa acht Prozent der Patienten mit anfallsartigem (paroxysmalem) Vorhofflimmern innerhalb eines Jahres zu permanentem Vorhofflimmern. Enden die Episoden nicht spontan, sondern bedürfen der Konversion durch Medikamente oder Elektroschock, so ist innerhalb von zwei Jahren bereits bei rund 40 Prozent dieser Patienten mit permanentem Vorhofflimmern zu rechnen.

Vorhofflimmern bleibt oft unbemerkt

Während beim Gesunden das Herz mit einem gleichmäßigen Rhythmus (Sinusrhythmus) schlägt, ist Vorhofflimmern durch einen unregelmäßigen, meist zu schnellen Herzschlag gekennzeichnet. Typische Symptome sind Herzstolpern oder -rasen, Schwindel, Atemnot, Abgeschlagenheit und gelegentlich Brustschmerz, Beklemmungs- oder Angstgefühl. Aber manchmal bleiben diese alarmierenden Anzeichen aus. Bei vielen Menschen tritt die Rhythmusstörung ganz ohne Beschwerden auf und wird nur zufällig bei einer ärztlichen Untersuchung erkannt. Nicht selten macht sie sich erst durch Komplikationen, in schweren Fällen durch einen Schlaganfall, bemerkbar.

Dieses ohne Beschwerden einhergehende (asymptomatische) Vorhofflimmern bleibt zunächst unerkannt, so dass notwendige Therapiemaßnahmen wie eine Blutgerinnungshemmung nicht rechtzeitig eingeleitet werden können. Sogar paroxysmales Vorhofflimmern mit seinen selbst endenden Episoden verläuft gar nicht selten (bis zu 70 Prozent) ohne besondere Beschwerden. Neuere Untersuchungen mit längerer oder kontinuierlicher EKG-Aufzeichnung beziehungsweise mobilen oder unter die Haut einsetzbaren Ereignisrekordern zeigen, dass die Zahl der Betroffenen noch deutlich höher ist als bisher bekannt (siehe Ereignisrekorder, Seite 44 ff). Diesen Menschen rechtzeitig zu helfen, ist eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Untersuchungsprogramme zur Früherkennung („Screening“) gefährdeter Bevölkerungsgruppen, also von Personen über 60 Jahren, insbesondere mit Bluthochdruck, koronarer Herzerkrankung oder Herzmuskelschwäche, könnten dazu beitragen, Betroffene rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln, bevor Komplikationen eintreten.

Der Bedarf an kompetenter ärztlicher Beratung ist groß: lange Warteschlangen bei einer öffentlichen Untersuchungsaktion des Kompetenznetzes Vorhofflimmern.