Gesundheitsexperten warnen vor Schlaganfallkrise in Europa

09.12.2009

Jedes Jahr erleiden Tausende von Patienten mit Vorhofflimmern schwere Schlaganfälle. Ein heute von Experten der medizinischen Gesellschaften und Patientenvereinigungen veröffentlichter Bericht ruft die politischen Entscheidungsträger in Europa auf, unverzüglich Maßnahmen gegen diese zum Teil vermeidbaren Schlaganfälle einzuleiten. Das Kompetenznetz Vorhofflimmern (AFNET) unterstützt diese Initiative.

Koordiniertes Handeln ist dringend erforderlich, um zu verhindern, dass jedes Jahr zahlreiche Patienten mit Vorhofflimmern unnötigerweise einen Schlaganfall mit schwerwiegenden Folgen erleiden. Davon ist Prof. Dr. Paulus Kirchhof, Kardiologe am Universitätsklinikum Münster, überzeugt. Zusammen mit Ärzten, Wissenschaftlern und Politikern aus verschiedenen europäischen Ländern ist er an der Initiative „Action for Stroke Prevention (ASP) = Aktion zur Schlaganfallvorbeugung“ beteiligt. Die Expertengruppe stellt heute im Europäischen Parlament einen umfassenden Bericht mit Handlungsempfehlungen vor, um die europäischen Gesundheitspolitiker aufzurufen, Maßnahmen zur Verhinderung von Schlaganfällen bei Vorhofflimmern einzuleiten und dadurch die Folgen von Vorhofflimmern besser eindämmen zu können.

Die Initiative wird unterstützt von 17 führenden europäischen und nationalen Ärzte- und Patientenorganisationen, wie zum Beispiel der European Heart Rhythm Association (EHRA), der World Stroke Organization (WSO), der European Primary Care Cardiovascular Society, der European Working Group on Thrombosis, dem International Council of Nurses, der Atrial Fibrillation Association (AFA) und von Anticoagulation Europe. Auch das deutsche, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Kompetenznetz Vorhofflimmern (AFNET) zählt zu den Unterstützern.

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung. In Europa sind mehr als sechs Millionen vorwiegend ältere Menschen betroffen, allein in Deutschland rund eine Million. Vorhofflimmern kann zur Entstehung von Blutgerinnseln führen und geht dadurch mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko einher. 15 bis 20 Prozent aller Schlaganfälle werden durch Vorhofflimmern verursacht, wobei diese Schlaganfälle meist besonders schwer sind. Oft enden sie tödlich oder führen zu einer lebenslangen körperlichen und geistigen Behinderung, die nicht nur den Patienten selbst beeinträchtigt, sondern auch dessen Familie und das Gesundheitssystem. Der durch Schlaganfälle bedingte wirtschaftliche Schaden in Europa wird auf 38 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung wächst die Zahl der Vorhofflimmerpatienten und damit auch die Zahl der Schlaganfälle. Epidemiologen rechnen damit, dass es im Jahr 2050 rund 2,5 mal so viele Patienten mit Vorhofflimmern geben wird wie heute. Die Expertengruppe „Aktion zur Schlaganfallvorbeugung“ warnt deshalb in ihrem Bericht „How can we avoid a stroke crisis?“ vor einer regelrechten Schlaganfall-Epidemie, wenn nichts unternommen wird. Viele dieser Schlaganfälle wären vermeidbar, wenn Vorhofflimmern früher entdeckt und besser behandelt würde. Aber die häufig zu späte Diagnose, schlechte Versorgung der Vorhofflimmerpatienten, fehlende Antikoagulation (Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten zur Verhinderung von Gerinnseln) sowie Nebenwirkungen der üblichen Behandlungen führen zu einer unnötigen schweren Belastung der Betroffenen, Ihrer Familien und des gesamten Gesundheitswesens.

Die Expertengruppe schlägt in ihrem Bericht deshalb eine Reihe von Maßnahmen vor, die helfen sollen, die Zahl der Schlaganfälle zu senken: Patienten sollen besser aufgeklärt werden. Vorhofflimmern muss früher diagnostiziert, das Schlaganfallrisiko genauer beurteilt werden. Neue Ansätze zur Vorbeugung sind nötig. Der Erfahrungsaustausch zwischen den europäischen Staaten sollte erleichtert werden. Außerdem gilt es, neue Strategien zu entwickeln, die zu einer besseren Einhaltung der Leitlinien führen.

Die Initiatoren der „Aktion zur Schlaganfallvorbeugung“ versprechen sich von ihrem Bericht, dass  das Problem der rechtzeitigen Erkennung und umfassenden Behandlung von Vorhofflimmern europaweit stärker wahrgenommen wird. „Wenn es uns gelingt, dass Vorhofflimmern in Zukunft früher erkannt wird, dann könnten wir die schwerwiegenden Folgen besser verhindern. Hilfreich wären zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen (Screening), in denen aktiv nach der Rhythmusstörung gesucht wird.“, erläutert Prof. Kirchhof. Alle Beteiligten hoffen, dass durch diesen Bericht die hierfür notwendigen Anstrengungen angestoßen werden.

Das Kompetenznetz Vorhofflimmern
Das Kompetenznetz Vorhofflimmern (AFNET) ist ein interdisziplinäres bundesweites Forschungsnetz, in dem Wissenschaftler und Ärzte aus Kliniken und Praxen zusammenarbeiten. Ziel der Forschungsprojekte, klinischen Studien und Register, die im Kompetenznetz Vorhofflimmern durchgeführt werden, ist es, die Behandlung und Versorgung von Vorhofflimmerpatienten zu verbessern. Das Netzwerk besteht seit 2003 und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Zentrale befindet sich am Universitätsklinikum Münster. Netzwerksprecher ist Prof. Dr. Dr. h. c. Günter Breithardt, ehemaliger Direktor der dortigen Medizinischen Klinik und Poliklinik C – Kardiologie und Angiologie.

Prof. Kirchhof gehört zu den Gründungsmitgliedern des AFNET und leitet dort eine multizentrische klinische Studie.

Fachlicher Kontakt:
Prof. Dr. Paulus Kirchhof
Medizinische Klinik und Poliklinik C – Kardiologie und Angiologie
Universitätsklinikum Münster
Tel: 0251-83-45185, -48501
E-Mail: KirchhP@uni-muenster.de

Pressekontakt:
Dr. Angelika Leute
Tel: 0251-83-45341, 0202-2623395
E-Mail: angelika.leute@ukmuenster.de

 

Stroke Prevention Report (pdf-Datei 2 MB, englisch)

Empfehlungen der Expertengruppe (Zusammenfassung, englisch)

Die Expertengruppe "Action for Stroke Prevention (ASP) = Aktion zur Schlaganfallvorbeugung " (englisch)

Die unterstützenden Organisationen (englisch)